Kardiologe Marco de Vaan erklärt
Das Frauenherz
Marco de Vaan ist Kardiologe und Gründer von Heart Clinic, einer selbständigen Poliklinik mit Sprechstunden in Jávea und Moraira. In einer Reihe kardiologischer Themen erläutert er jeweils einen Aspekt näher. Heute: das Frauenherz, ein Thema, das zunehmend Beachtung findet.
Männer und Frauen sind biologisch verschieden. Frauen sehen nicht nur anders aus, sie erleben ihre Beschwerden auch anders als Männer. Sie drücken sich anders aus, und ihre Beschwerden können sich von denen der Männer unterscheiden.
Warum verdient das Frauenherz mehr Aufmerksamkeit?
Herzerkrankungen kommen bei Frauen häufig vor. Jährlich sterben mehr Frauen an Herz- und Gefäßerkrankungen als an Brustkrebs. Weltweit sind Herz- und Gefäßerkrankungen bei Frauen die Todesursache Nummer 1.
Die Symptome von Herzerkrankungen bei Frauen werden noch immer zu selten erkannt, weil sie sich von denen bei Männern unterscheiden. Dadurch wird die Diagnose oft später gestellt. Beschwerden werden zum Beispiel manchmal als hormonell abgetan. Außerdem gehen Frauen manchmal zu spät zum Arzt.
Frauen erklären ihre Beschwerden oft selbst
Frauen bringen ihre Beschwerden nicht immer schnell mit dem Herzen in Verbindung, vor allem wenn die Beschwerden vage oder untypisch sind. Ich erlebe, dass Frauen, wenn sie mit Beschwerden kommen, oft schon selbst eine Erklärung parat haben. Bei zunehmender Müdigkeit: "aber es war auch eine anstrengende Zeit". Bei Herzklopfen: "das werden wohl die Wechseljahre sein".
Da Brustschmerz als Zeichen einer Gefäßerkrankung bei Frauen oft nicht oder nur entfernt vorhanden ist, schreiben Frauen ihre Beschwerden der Übermüdung oder zum Beispiel dem Älterwerden zu.
Beschwerden können untypisch sein
Während Männer mit krampfartigen oder drückenden Brustschmerzen zum Hausarzt gehen, kommen Frauen mit Beschwerden wie Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit, Kurzatmigkeit und zum Beispiel Rückenschmerzen. Herzbeschwerden bei Frauen können im Vergleich zu den meisten Herzbeschwerden bei Männern untypisch sein, für Frauen sind diese Symptome jedoch gerade typisch.
Herzbeschwerden bei Frauen beginnen oft mit einem unregelmäßigen Muster von Schmerzen zwischen den Schulterblättern, einem Gefühl, "als ob der BH zu eng sitzt". Das ähnelt nicht dem klassischen Schmerz, der beschrieben wird, als säße ein Elefant auf der Brust und strahle in den Kiefer aus. Die Folge ist, dass Frauen einen Herzinfarkt erleiden können, ohne es selbst zu merken, und damit ein ernstes Gesundheitsrisiko eingehen.
Ist das Frauenherz anders?
Im Großen und Ganzen nicht. Was sich unterscheidet, ist, dass die Herzkranzgefäße bei Frauen etwas feiner und kleiner angelegt sind. Die Innenwand dieser Gefäße ist empfindlicher für Hormone und Stress. Die Verengungen liegen seltener an einzelnen Stellen, sondern sind diffuser und über längere Abschnitte verteilt. Außerdem neigen die Herzkranzgefäße eher zu Spasmen, plötzlich auftretenden Verkrampfungen der Gefäßwand, die zu plötzlichen Beschwerden durch Sauerstoffmangel im Herzmuskel führen. Ein unangenehmes, beklemmendes Engegefühl ist meist die Folge. Das kann einfach so auftreten; wir nennen das eine untypische Beschwerde, die aber ernst genommen werden muss.
Risikofaktoren, die bei Frauen zusätzlich eine Rolle spielen
Bei Frauen werden Risikofaktoren für Herz- und Gefäßerkrankungen wie Bluthochdruck recht oft fälschlich Stress oder den Wechseljahren zugeschrieben. Hat eine Frau zum Beispiel während der Schwangerschaft Bluthochdruck gehabt, kann das bereits ein Vorbote für spätere Herz- und Gefäßerkrankungen sein: das Risiko ist dann 2- bis 5-mal höher.
Herz- und Gefäßerkrankungen treten bei Frauen im Durchschnitt 10 bis 15 Jahre später auf als bei Männern. Das liegt daran, dass Frauen bis zu den Wechseljahren durch weibliche Hormone (Östrogen) geschützt sind. Nach den Wechseljahren produzieren Frauen weniger Östrogen und das Risiko steigt. Das gilt auch für Frauen, die früh in die Wechseljahre kommen (jünger als 35 bis 40 Jahre) oder von Natur aus einen niedrigeren Östrogenspiegel haben.
Es gibt auch Frauen, die in viel jüngerem Alter eine Herzerkrankung entwickeln, unabhängig vom Östrogen. Außerdem müssen Frauen oft alles gleichzeitig schaffen, und das auch noch perfekt. Das verursacht erhöhten Stress, der zu Bluthochdruck führt, und das ist wiederum ein Risikofaktor. Auch Rauchen, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel spielen eine Rolle.
Auch die Behandlung unterscheidet sich
Die Gefäßerkrankung des Herzens wird bei Frauen und Männern nicht immer mit denselben Medikamenten behandelt. Da sich die Gefäßerkrankung bei Frauen diffuser über die Herzkranzgefäße verteilen kann, ist ein anderer Ansatz nötig. Dann verwendet man vor allem gefäßerweiternde Medikamente. Die Wahl der Medikamente hängt stark von der Schwere der Beschwerden und den vorhandenen Risikofaktoren ab.
Es ist sehr wichtig, sich ausreichend Zeit für das Gespräch zu nehmen, gut zuzuhören und alle Risikofaktoren zu erfassen. Damit jede Patientin, auch mit vagen oder untypischen Beschwerden, die Aufmerksamkeit und Behandlung erhält, die nötig ist. Gerade bei Verdacht auf eine Erkrankung der Herzkranzgefäße müssen die möglicherweise wichtigen Unterschiede zwischen dem weiblichen und dem männlichen Herzen berücksichtigt werden.
Eine spezielle Sprechstunde für Frauen
Heart Clinic hat eine spezielle Sprechstunde für Frauen eingerichtet, die Beschwerden haben, die möglicherweise vom Herzen kommen, und für Frauen mit erhöhtem Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen. Sie können sich schnell bei uns vorstellen, oft schon innerhalb weniger Tage.
Bei akuten, starken oder rasch zunehmenden Beschwerden wenden Sie sich sofort an die örtliche Notfallversorgung. Warten Sie dann nicht auf einen normalen Termin.
“Auch Beschwerden, die vage erscheinen, verdienen Aufmerksamkeit. Gerade dann sind gutes Zuhören, ruhiges Nachfragen und sorgfältige Untersuchung am wichtigsten.”
Marco de Vaan, Kardiologe